Mit dem EU-AI-Act hat die Europäische Union das weltweit erste umfassende Gesetz über künstliche Intelligenz verabschiedet. Dieses Regelwerk – auch bekannt als Artificial Intelligence Act – soll den Einsatz von KI-Systemen sicher, transparent und verantwortungsvoll gestalten. Es reagiert auf die rasante Entwicklung von KI-Anwendungen und deren zunehmende Bedeutung für Gesellschaft und Wirtschaft.
Der folgende Artikel zeigt, worum es im Kern geht, welche Fristen gelten und wie Sie das neue KI-Gesetz strategisch nutzen können, um Ihre Firma zukunftssicher aufzustellen.
Für Unternehmen bedeutet das: Wer in der EU KI-Technologien entwickelt, nutzt oder vertreibt, muss künftig umfangreiche Anforderungen erfüllen – unabhängig vom Firmensitz. Auch Anbieter außerhalb der EU sind betroffen, sobald ihre KI-Systeme innerhalb des europäischen Marktes eingesetzt werden.
Warum der EU AI Act jetzt relevant ist
Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich rasant – und mit ihr auch die Risiken: fehlerhafte Entscheidungen, Diskriminierung, mangelnde Nachvollziehbarkeit. Die EU reagiert nun mit einem klaren Rechtsrahmen, der KI-Systeme je nach Risiko kategorisiert und verbindliche Anforderungen stellt.
Ziel des EU-AI-Acts ist es, Vertrauen in KI Anwendungen zu schaffen, Grundrechte zu schützen und gleichzeitig Innovation zu ermöglichen. Besonders wichtig: Die KI-Verordnung betrifft nicht nur Unternehmen mit Sitz in der EU. Auch Anbieter aus Drittstaaten, deren KI-System auf dem europäischen Markt genutzt werden, müssen die Vorschriften einhalten.
Das Gesetz gilt seitdem 1. August 2024 und wird schrittweise eingeführt – Unternehmen sollten sich daher zeitnah mit den Auswirkungen auf ihren Betrieb beschäftigen.
Was ist der EU AI Act? – Überblick in einfachen Worten
Der EU-AI-Act ist ein zentrales Element des neuen KI-Gesetzes in Europa, das KI-Systeme nach ihrem Risiko einstuft – und daran gekoppelte Anforderungen definiert. Je höher das Risiko, desto strenger die Vorgaben. Ziel ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Sicherheit, Grundrechtsschutz und KI-Innovationen.
Es gibt vier Risikokategorien:
- Minimales Risiko: z. B. Spamfilter – ohne spezifische Verpflichtungen.
- Begrenztes Risiko: etwa Chatbots – hier gilt eine Kennzeichnungspflicht.
- Hochrisiko KI-Systems: mit potenziellen Auswirkungen auf Sicherheit, Gesundheit oder Grundrechte – sie unterliegen umfassenden Prüf- und Dokumentationspflichten.
- Unvertretbares Risiko: z. B. manipulative Systeme oder Social Scoring – diese sind in der EU grundsätzlich verboten.
Auch KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck, wie z. B. große Sprachmodelle, werden berücksichtigt. Falls sie ein systemisches Risiko darstellen, gelten zusätzliche Pflichten – darunter Transparenz, Sicherheitsbewertungen und Meldepflichten gegenüber der Europäischen Kommission.
Der EU-Plaan verpflichtet alle Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, sich an die neuen Regeln zu halten. Das betrifft Unternehmen jeder Größe – vom Start-up bis zum Konzern. Ausnahmen gelten nur für den privaten Gebrauch oder rein wissenschaftliche KI-Anwendungen.
Sonderfall: General Purpose AI
Für sogenannte General Purpose AI Modelle (GPAI) – also große Sprachmodelle oder multimodale KI Systeme – gelten zusätzliche Regeln, sobald ein systemisches Risiko besteht.
In diesem Fall müssen Anbieter:
- der EU-Kommission innerhalb von 14 Tagen melden, dass ein systemisches Risiko vorliegt
- Nachweise zu Transparenz, Sicherheit und Robustheit bereitstellen
- klare Informationen über die Nutzung der KI öffentlich machen
Diese Vorgaben sollen verhindern, dass mächtige, vielseitig einsetzbare KI-Modelle unkontrolliert verbreitet werden – und Risiken mit hohem Risiko zu spät erkannt werden. Eine transparente Website-Dokumentation über die Funktionsweise und Einsatzbereiche ist hier ebenfalls Teil der Auflagen.
Welche KI-Anwendungen gelten als „Hochrisiko“?
Nicht jede KI ist harmlos. Manche KI-Anwendungen greifen tief in das Leben von Menschen ein – etwa bei Kreditentscheidungen, Bewerbungsverfahren oder in der Medizin. Genau hier setzt die KI Verordnung der EU an: Hochrisiko KI-Systeme sind solche, die erhebliche Auswirkungen auf Sicherheit, Gesundheit oder Grundrechte haben.
Zu den betroffenen Bereichen gehören unter anderem:
- Personalwesen: z. B. KI für automatisierte Bewerberauswahl
- Bildung: automatische Bewertung von Prüfungen
- Finanzen: Kreditwürdigkeitsprüfungen oder Risikobewertungen
- Medizinprodukte: wenn KI ein sicherheitsrelevanter Bestandteil ist
- Kritische Infrastrukturen: z. B. Verkehrs- oder Energieversorgung
- Grenzkontrollen und Justiz: etwa zur Bewertung von Straftatwahrscheinlichkeiten
Diese hochrisiko KI Systeme müssen vor dem Inverkehrbringen ein sogenanntes Konformitätsverfahren durchlaufen. Anbieter müssen unter anderem:
- eine vollständige technische Dokumentation bereitstellen
- Datenqualität, Transparenz und Nachvollziehbarkeit gewährleisten
- Risikomanagement-Systeme integrieren
- und sicherstellen, dass das System keine Menschenrechte verletzt
Was verboten ist, bleibt klar geregelt: KI zur Verhaltensmanipulation, Social Scoring, verdeckte Einflussnahme oder biometrische Echtzeitüberwachung im öffentlichen Raum – all das fällt unter die Kategorie „nicht akzeptables Risiko“ und ist durch das KI-Gesetz untersagt.
Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Jedes Unternehmen, das mit KI-Anwendungen arbeitet, muss nun prüfen:
- Welche KI-Modelle oder Tools sind im Einsatz?
- Wie hoch ist das Risiko dieser Systeme?
- Welche Dokumentations-, Prüf- oder Meldepflichten bestehen?
Der EU-KI-Plan bringt weitreichende Pflichten für Unternehmen mit sich – insbesondere für alle, die KI-Systeme entwickeln, vertreiben oder nutzen. Wer etwa ein Hochrisiko KI System betreibt, muss unter Umständen zusätzlich mit dem zuständigen Amt für künstliche Intelligenz oder den benannten Behörden des Mitgliedstaats zusammenarbeiten.
Wichtig ist: Die Verantwortung liegt nicht nur bei den Entwicklern. Auch Importeure, Händler und Betreiber von KI-Systemen sind verpflichtet, die Einhaltung der Vorschriften sicherzustellen. Verstöße können teuer werden – nicht nur finanziell, sondern auch in Bezug auf Reputation und Vertrauen.
Fristen, Strafen & Pflichten
Je nach Kategorie der KI-Systeme gelten Übergangsfristen von 6 bis 24 Monaten. Wer ein Hochrisiko KI-System im Einsatz hat, sollte sich also rechtzeitig vorbereiten – nicht zuletzt wegen der möglichen Sanktionen.
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Thema // Termin // Wichtig für
Inkrafttreten des Gesetzes // 1. August 2024 // Alle Unternehmen mit KI-Bezug
Verbotene Systeme müssen abgeschaltet sein // Februar 2025 // Anbieter von nicht erlaubten KI Systemen
Anforderungen für GPAI (General Purpose AI) // August 2025 // Anbieter und Betreiber großer KI-Modelle
Allgemeine Vollumsetzung des Gesetzes // August 2026 // Großteil der Pflichten und Standards
Sonderfrist für regulierte Hochrisiko-KI // August 2027 // z. B. Medizinprodukte mit KI-Komponenten
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Wann tritt der EU AI Act in Kraft?
Der EU-AI-Act ist am 1. August 2024 offiziell in Kraft getreten. Die Umsetzung erfolgt in mehreren Phasen:
- Februar 2025: Verbotene KI Anwendungen müssen gestoppt sein
- August 2025: Pflichten für KI Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck greifen
- August 2026: Der Großteil der Vorschriften tritt vollumfänglich in Kraft
- August 2027: Sonderregelung für Hochrisiko-KI in regulierten Produkten wie Medizintechnik
Unternehmen sollten bereits jetzt ihre internen Prozesse anpassen, um später nicht unter Zeitdruck zu geraten.
Welche Übergangsfristen gelten?
Die Übergangsfristen sind unterschiedlich lang – je nach Art der Verpflichtung:
- 6 Monate für das Verbot unzulässiger KI-Systeme
- 12 Monate für Anforderungen an GPAI (General Purpose AI)
- 24 Monate für alle weiteren Vorgaben des Gesetzes
- 36 Monate für bestimmte Hochrisiko-KI, die Teil bestehender, regulierter Produkte sind
Spätestens bis August 2026 müssen die meisten KI-Anbieter vollständig konform mit der KI-Verordnung sein. Dafür muss jedes Unternehmen frühzeitig prüfen:
- Welche KI-Modelle im Einsatz sind
- In welche Risikokategorie sie fallen
- Welche Dokumentations- und Prüfpflichten gelten
- Ob eine Meldepflicht an die zuständigen nationalen Behörden besteht
Welche Strafen drohen bei Verstößen?
Die EU meint es ernst: Wer sich nicht an die neuen Regeln hält, riskiert empfindliche Strafen. Je nach Schwere des Verstoßes und Unternehmensgröße gelten folgende Maximalbußgelder:
- Bis zu 35 Mio. Euro oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes bei besonders schweren Verstößen
- 15 Mio. Euro oder 3 % Umsatz bei allgemeinen Verstößen gegen Pflichten
- 7,5 Mio. Euro oder 1 % Umsatz für falsche oder irreführende Angaben an Behörden
Kleine und mittlere Unternehmen werden laut Gesetz milder behandelt – dennoch gelten auch hier klare Regeln. Die EU-Mitgliedstaaten sind verpflichtet, Verstöße zu melden und Sanktionen jährlich an die Europäische Kommission zu berichten.
Was sind verbotene KI-Praktiken?
Der EU-AI-Act untersagt bestimmte KI-Einsatzformen vollständig, da sie ein inakzeptables Risiko darstellen. Dazu gehören:
- Verhaltensmanipulation durch unterschwellige oder gezielte Täuschung
- Biometrische Echtzeitüberwachung im öffentlichen Raum (z. B. Gesichtserkennung) – mit wenigen Ausnahmen für Strafverfolgung
- Social Scoring: die Bewertung von Menschen auf Basis ihres Verhaltens, ihrer finanziellen Lage oder sozialer Merkmale
- KI-Systeme, die gezielt besonders verletzliche Gruppen beeinflussen – z. B. Kinder oder Menschen in Abhängigkeitssituationen
Diese Anwendungen sind in der gesamten EU verboten. Unternehmen, die solche Technologien entwickeln oder importieren, müssen ihre Systeme umgehend anpassen oder vom Markt nehmen.
Welche Pflichten gelten für Anbieter, Importeure und Betreiber?
Der EU-AI-Act definiert klar, wer für die Einhaltung der Vorschriften verantwortlich ist – und das geht weit über die Entwickler hinaus. Auch Importeure, Vertriebspartner und Anwender von KI-Systemen sind in der Pflicht.
- Anbieter (Providers) müssen sicherstellen, dass ihr System den gesetzlichen Anforderungen entspricht – inklusive technischer Dokumentation, Risikomanagement und Transparenzpflichten.
- Importeure dürfen nur KI-Systeme auf dem EU-Markt bereitstellen, die nachweislich den Vorschriften entsprechen.
- Vertriebspartner (Distributoren) müssen die Informationen des Anbieters prüfen und bei Verstößen handeln.
- Betreiber (Deployers) sind dafür verantwortlich, dass Systeme korrekt eingesetzt, überwacht und regelmäßig überprüft werden. Dazu gehört auch ein System zur menschlichen Aufsicht und die Verpflichtung, schwerwiegende Zwischenfälle binnen 15 Tagen zu melden.
Diese umfassende Aufgabenteilung macht klar: Wer mit künstlicher Intelligenz arbeitet, braucht einen strukturierten Compliance-Prozess – unabhängig davon, ob das System selbst entwickelt wurde oder von Dritten stammt.
Wie Sie den EU AI Act strategisch nutzen können
Der EU-AI-Act ist nicht nur ein regulatorisches Gesetz über künstliche Intelligenz – er bietet Unternehmen auch echte Chancen. Wer frühzeitig auf Compliance setzt, positioniert sich als vertrauenswürdiger Anbieter, stärkt die Kundenbindung und gewinnt einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz.
So gelingt die Umsetzung – praktische Empfehlungen für Unternehmen
Damit der Übergang reibungslos verläuft, empfiehlt sich ein strukturierter Fahrplan:
- KI-Inventur durchführen: Welche Systeme sind im Einsatz, welche geplant?
- Risiken systematisch analysieren: Tools zur Risikobewertung einsetzen, etwa auf Basis der offiziellen Kriterien
- Compliance-Check starten: Gibt es technische Dokumentation, klare Verantwortlichkeiten, Prozesse zur Nachverfolgung?
- Schulungen einführen: Mitarbeitende in IT, Recht und Management regelmäßig zu KI-Themen weiterbilden
- Kontinuierliche Überwachung: Systeme müssen auch nach der Einführung laufend überwacht und angepasst werden
- Kommunikation etablieren: Ansprechpartner und Meldewege intern definieren – z. B. bei Sicherheitsvorfällen
- Compliance-Check starten: Gibt es technische Dokumentation, klare Verantwortlichkeiten, Prozesse zur Nachverfolgung – insbesondere im Umgang mit sensiblen Daten und Datenschutz?
- Transparenz schaffen: Nutzer müssen jederzeit erkennen können, wenn Ergebnisse von KI-Anwendungen stammen – etwa bei generierten Texten, Empfehlungen oder Entscheidungen mit Relevanz für die betroffene Person.
Eine solche KI-Governance hilft, nicht nur gesetzeskonform zu handeln, sondern schafft auch die Basis für langfristige ethische Nutzung der artificial intelligence und nachhaltige Innovationsfähigkeit.
Fazit: Jetzt aktiv werden
Der EU-AI-Act ist da – und mit ihm ein neues Kapitel für den verantwortungsvollen Einsatz von künstlicher Intelligenz in Europa. Unternehmen sollten die Vorgaben nicht als bürokratische Hürde sehen, sondern als strategischen Anstoß: Wer KI-Systeme bewusst einführt, dokumentiert und kontrolliert, profitiert langfristig von Sicherheit, Skalierbarkeit und Vertrauen am Markt.
Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Mit einer gezielten Analyse, einer klaren Roadmap und den richtigen Ressourcen sichern Sie sich rechtzeitig die nötige Übereinstimmung mit der KI-Verordnung – bevor Fristen, Sanktionen und Unsicherheiten zum Risiko werden.
FAQs – Häufige Fragen zum EU AI Act
Was ist das Ziel des EU AI Act?
Der EU-AI-Act soll das Vertrauen in künstliche Intelligenz stärken, Risiken minimieren und gleichzeitig Raum für Innovation schaffen. Er definiert europaweit einheitliche Regeln für den Umgang mit KI-Systemen.
Für wen gilt die KI Verordnung der EU?
Das KI-Gesetz gilt für alle Personen und Organisationen, die in der EU KI-Systeme entwickeln, vertreiben oder anwenden – unabhängig vom Firmensitz. Auch Anbieter aus Drittländern sind betroffen, wenn ihre Systeme im EU-Markt genutzt werden.
Welche Strafen drohen bei Verstößen gegen den AI-Act?
Bei Nichtbeachtung drohen Geldstrafen von bis zu 35 Millionen Euro oder 7 % des globalen Jahresumsatzes, je nach Schwere der Verstöße. Besonders hart trifft es Anbieter verbotener Systeme oder bei systematischem Regelbruch.
Was zählt als Hochrisiko-KI unter dem EU-AI-Act?
Hochrisiko KI Systemen sind unter anderem solche, die in sicherheitsrelevanten Produkten wie Medizinprodukten, Spielzeug oder Aufzugtechnik eingesetzt werden. Auch KI in Personalprozessen oder der Justiz fällt oft unter diese Kategorie.
Wie können Unternehmen den EU-AI-Act strategisch nutzen?
Frühzeitige Vorbereitung schafft klare Strukturen, reduziert rechtliche Risiken und stärkt das Markenimage. Wer ethische KI-Nutzung demonstriert, gewinnt nicht nur regulatorisch – sondern auch auf Seiten der Kunden und Investoren.
